Hexenjagd auf sogenannte Killerspiele

In der vorindustriellen Zeit verbrannte man verd√ɬ§chtige, oft fremdl√ɬ§ndische Schriften und Bilder. In den 60er Jahren brannten die Schallplatten der Beatles. Harry-Potter-B√ɬľcher brannten und wurden aus Schulbibliotheken entfernt, weil sie angeblich die Kinder verf√ɬľhren. Nun dies: Ein „Aktionsb√ɬľndnis“ will in Stuttgart einen Container aufstellen, um dort sogenannte Killerspiele zu sammeln und zu vernichten. Angeblich zum Wohle der Jugendlichen …

Ich kann verstehen, dass Angeh√ɬ∂rige der Todesopfer von Winnenden trauern und leiden. Hysterie und Bilderst√ɬľrmerei helfen jedoch keinem Jugendlichen und retten kein einziges potentielles Opfer vor dem gewaltsamen Tod. Niemand wird pl√ɬ∂tzlich √ɬľber Nacht zum Killer, nur weil er das falsche Spiel gespielt, den falschen Film gesehen, die falsche Schallplatte geh√ɬ∂rt oder das falsche Buch gelesen hat. Solche Trag√ɬ∂dien haben immer eine Vorgeschichte, und die ist immer vielschichtig. Einem Spiele-Genre daran die Schuld zu geben wird dieser Thematik nicht gerecht.

Mein Kommentar zum Artikel Beleidigende E-Mails wegen geplanter Aktion in der Stuttgarter Zeitung vom 15.10.2009

Falsche Aktion

Lieber Herr Schober,

Ihre Aktion geht genau in die falsche Richtung. Ich selbst bin Pazifistin, bin gegen jede Form von Gewalt, habe sehr idealistische Einstellungen, und mag selbst keine Spiele, in denen auf Menschen geschossen wird. Auch mit der Spieleindustrie habe ich ganz gewiss nichts am Hut. Ich kann auch verstehen, dass Sie voller Schmerz und Trauer sind. Aber bitte glauben Sie mir: Was sie da tun, das ist sinnlos, das bewirkt bestenfalls nichts und schlimmstenfalls das Gegenteil von dem, was Sie bewirken wollen.

Nicht die Computerspiele bringen Jugendliche dazu, auszurasten und Menschen umzubringen. Die Ursachen sind vielmehr: Ausgrenzung, Einsamkeit, Isolation, Erniedrigung durch Eltern, Lehrer oder Mitsch√ɬľler, das Gef√ɬľhl, nichts wert zu sein, das Gef√ɬľhl, nicht dazuzugeh√ɬ∂ren, sich niemandem anvertrauen zu k√ɬ∂nnen. Die erste allertiefste Verzweiflung in einem jungen Leben, und die fehlende Lebenserfahrung, die einem Erwachsenen, aber eben noch nicht einem von seinen Gef√ɬľhlen √ɬľberw√ɬ§ltigten Jugendlichen sagt, dass man da irgendwann wieder rauskommt – DAS sind die Ursachen solcher Trag√ɬ∂dien.

Man hat bei mehreren Beteiligten von Schulschie√ÉŇłereien Computerspiele gefunden, in denen geschossen wird? Nun, das ist v√ɬ∂llig normal, und die H√ɬ§ufung erkl√ɬ§rbar. Mit irgendetwas muss ein Mensch sich doch besch√ɬ§ftigen, wenn keiner mit ihm redet. In den 1970er Jahren h√ɬ§tte man vermutlich stapelweise Marvel-Comics, John-Sinclair-Hefte und Hardrock-Schallplatten in den Zimmern solcher Jungen gefunden.

Isolierte, vereinsamte Menschen suchen sich Ersatzwelten und finden sie auch. Immer. Was f√ɬľr eine fr√ɬ∂hlichen, sozial eingebundene Person ein harmloser Zeitvertreib ist, wird f√ɬľr einen gr√ɬľblerischen, ausgesto√ÉŇłenen Einzelg√ɬ§nger vielleicht zur Obsession. Dies ist aber nicht die Ursache seiner Situation, sondern ein Symptom seiner Not und Einsamkeit. Sucht und Obsession suchen sich das Objekt ihrer Begierde; es dr√ɬ§ngt sich ihnen nicht auf, und es verursacht die Probleme nicht, sondern begleitet sie nur. Und wenn das letzte Computerspiel geschreddert, der letzte Rocksong gel√ɬ∂scht, der letze Horrorfilm verboten und der letzte Schundroman verbrannt sind, dann wird irgendein verzweifelter Sch√ɬľler in Deutschland in der Bibel f√ɬľndig und mordet nach dem alten Testament oder beruft sich auf die Offenbarung des Johannes.

Nicht gegen Computerspiele sollte ihr Verein sich einsetzen, sondern:

  • f√ɬľr Schulen, in denen niemand ausgegrenzt und gemobbt wird,
  • f√ɬľr eine Bildungspolitik, die Kinder nicht in Gewinner und Verlierer einteilt,
  • f√ɬľr eine Gesellschaft, in der die Achtung von Menschen nicht von Statussymbolen abh√ɬ§ngt,
  • und daf√ɬľr, dass Menschen sich um Menschen k√ɬľmmern.

Ich war noch nie auf einer Lan-Party, aber ich bin mir sicher, dass es kaum einen friedlicheren, sozialeren Ort g√ɬ§be. Noch nie habe ich geh√ɬ∂rt, dass es auf solchen Veranstaltungen zu Ausschreitungen irgendwelcher Art gekommen w√ɬ§re. Nicht die Computerspiele machen aggressiv, sondern der Umstand, dass ein Mensch von andern Menschen isoliert wird, sich in sich selbst zur√ɬľckzieht, den Bezug zur Realit√ɬ§t verliert, und keinem Menschen mehr vertraut. Dann macht es keinen Unterschied, ob jemand n√ɬ§chtelang Counterstrike spielt, oder tagelang wei√ÉŇłe W√ɬ§nde anstarrt. Einsamkeit macht krank, Einsamkeit macht Killer. Die Computerspiele haben nichts damit zu tun.

Bitte bedenken Sie Ihre Handlungsm√ɬ∂glichkeiten noch einmal. Es w√ɬľrde mich freuen, wenn Sie diese Vernichtungs-Aktion absagten, und statt dessen etwas sinnvolleres f√ɬ∂rdern w√ɬľrden: zum Beispiel ein Konfliktlotsen-Projekt oder allj√ɬ§hrliche Sozialverhaltens-Workshops, in denen die Sch√ɬľler sich mit Themen wie Ethik und gegenseitigem Respekt auseinandersetzen k√ɬ∂nnen.

Weitersurfen:
Gulli.Com: Killerspiele gegen Fu√ÉŇłball-Trikot?

3 Gedanken zu „Hexenjagd auf sogenannte Killerspiele

  1. Liebe Birgit,

    in ganz vielen Punkten gebe ich Dir gerne recht. Besonders wichtig finde ich die Aufz√ɬ§hlung m√ɬ∂glicher Ursachen der Gewalt. Dennoch: Einen Teil tragen meiner Meinung nach auch Computerspiele dazu bei, dass Jugendliche ihre Gewaltvisionen ausleben. Zumindest tragen sie dazu bei, dass diese Gewaltvorstellungen √ɬľberhaupt erst entstehen. Ein Verbot rechtfertigt das m. E. nicht unbedingt. Sinniger w√ɬ§re es, wenn sich mehr um die jungen Menschen gek√ɬľmmert w√ɬľrde, wenn sie Perspektiven h√ɬ§tten, wenn es (regional unterschiedlich) interessante Angebote f√ɬľr sie g√ɬ§be…

    Aber bitte: Wir sollten die Wirkung der Spiele nicht verharmlosen. Der Faktor Zeit soielt hier eine wichtige Rolle und mancher Jugendliche kommt nur noch in seiner Spielewelt klar.

    Gru√ÉŇł Thomas

  2. Liebe Birgit

    Gut geschreiben und in den meisten punkten Zustimmung , nur kann ich meiner Vorrednerin nichtzustimmen , denn extremste Gewalt entsteht immer im Kopf,udn entstand schon, bevor der Mensch das erste Buch schreiben oder √ɬľberhaupt das erste Wort sprechen konnte .Menschen kommen individuell zur Welt ,und dazu geh√ɬ∂ren auch unterschiedliche Veranlagungen in Dingen wie Empfindungsf√ɬ§higkeit,Sozialkompetenzf√ɬ§higkeit,Dominanz udn aggressionsverhalten ,so wie wir auch k√ɬ∂rperlich unterscheidlich veranlagt sind, w√ɬ§ren wir alle gleich,w√ɬ§ren K√ɬ§mpfe um die Vorherrschaft in der Gruppe ,und damit das Paarungsrecht und die F√ɬľhrungsrolle und rtnerwahl ziemlich unsinnig aus der Sicht der Natur ūüôā

    man sehe sich nur unsere n√ɬ§chsten Verwandten an, die Schimpansen die f√ɬľr Macht auch jahrelange genozidale V√ɬ§lkermorde, Vergewaltigungen oder Folterungen udn Morde begehen ,um ihre „F√ɬľhrungsqualit√ɬ§ten“ zu Schau zu stellen, ohne je etwas gelesen zu haben , nichtmal die VBibel, die vro Mord, und sexuellen und k√ɬ∂rperlichen Gewaltexessen nur so strotzt ,geschrieben von M√ɬ§nnern, die gott nach ihrem Bild formten ,und wo Frau und Kinder nur Freiwild und beute waren, welches beliebig genommen und get√ɬ∂tet werden durfte (Noah,Sch√ɬ§ndung von Gibea etc etc )… aber auch Faruen haben mitunter ein biologisch enormes gewaltpotenzial ,welches sich zb unter dem Einfluss von Geschlechtshormonen entfaltet ,wenn sie nicht die von ihnen erwartete Unterordnung unter ihre Dominanz erf√ɬľllt bekommen

    Da ermordete in Kanada ein junges 13jähriges Mädchen ihre gesamte Familie, weil sie sich in einen Jungen verliebt,der ihr einredet ein werwolf zu sein , nur weil sie mit Stubenarrest bestraft wurde

    http://www.talkteria.de/forum/topic-3437.html

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