Wir schreiben das Jahr 1984

Seit ein paar Tagen sind bei Google reverse Whois-Abfragen m√ɬ∂glich. Was soll’s, k√ɬ∂nnte man jetzt naiv meinen, die Daten waren schlie√ÉŇłlich auch schon vorher im Netz. Google hat sie „nur“ neu kombiniert. Auch Personensuchmaschinen gibt es schon l√ɬ§nger im Netz. Wer, so wie ich, einen eher seltenen Nachnamen tr√ɬ§gt, ist damit leichter zu recherchieren als beispielsweise ein Martin M√ɬľller oder eine Sabine Schulz. Das ist jedoch kein gro√ÉŇłes Problem f√ɬľr die Betreiber dieser Suchmaschinen: Die gefundenen Treffer werden zu Profilen gruppiert, die von den Betroffenen gn√ɬ§digerweise bearbeitet werden d√ɬľrfen. So verschaffen sich diese modernen Auskunfteien eine quasi-Legitimation ihrer Dienste und lassen sich kostenlos von den so Bespitzelten bei der Qualit√ɬ§tssicherung der erhobenen Daten helfen: Wer will schon, dass ihm die Zitate irgendwelcher Namensvetter untergeschoben werden?

Als ich dereinst meine ersten Schritte in die gro√ÉŇłe, weite Netzwelt wagte, war von so m√ɬ§chtigen Suchmaschinen wie Google oder Yahoo noch nicht die Rede. Man diskutierte im Usenet, und zumindestens im deutschen Sprachraum geh√ɬ∂rte es zum guten Ton, dies unter seinem richtigen Namen zu tun. Gesucht hat man damals nach Programmen, Anleitungen oder technischen Spezifikationen, und unsere Suchwerkzeuge hie√ÉŇłen Gopher oder Veronica. Das News-Archiv D√ɬ©j√ɬ†-News war dann f√ɬľr einige Usenet-Teilnehmer der erste Anlass, ihre Artikel pseudonym zu verfassen – und bald darauf waren die Pseudonyme eine willkommene Gelegenheit f√ɬľr einige, unter der Clownsmaske eines ausgedachten Namens Schabernack zu treiben. Aber machen wir uns nichts vor: pseudonym oder nicht, mit gen√ɬľgend M√ɬľhe lassen sich erschreckend viele Daten einzelnen Personen zuordnen. Und stimmt die Zuordnung nicht, so kann das erst Recht Schaden anrichten. Soll man folglich keine Daten hinterlassen, nirgends, sondern sich brav bedeckt halten, nur lesen, nie schreiben? Auch das kann sich als √ɬ§u√ÉŇłerst ung√ɬľnstig erweisen. Amerikanische Arbeitgeber stellen inzwischen in Vorstellungsgespr√ɬ§chen schon mal unverbl√ɬľmt die Frage, ob man die letzten Jahre im Knast verbracht habe, oder bezweifeln fachliches Interesse und Kompetenz eines Bewerbers, wenn sich im Netz nirgendwo Spuren finden lassen. Erst tr√ɬ∂pfchenweise, und dann im rei√ÉŇłenden Strom der sozialen Netzwerke, sind unsere Daten ins Netz geflossen. Der Damm ist unwiderruflich gebrochen.

Liebe Mitfr√ɬ∂sche, in der uns umgebenden Fl√ɬľssigkeit wurde die Badewassertemperatur schon seit langem deutlich √ɬľberschritten. Wir sind angerichtet.

Hatten wir jemals die Wahl? H√ɬ§tten wir sie jetzt, da wir um einige der technischen M√ɬ∂glichkeiten wissen? Noch ist das Netz der Kamera√ɬľberwachungen auf dem Kontinent nicht so dicht wie beispielsweise in Gro√ÉŇłbritannien, noch wird hier keine digitale Personenerkennung eingesetzt. Dort hingegen kann es einem schon heute passieren, dass man von einer Lautsprecherstimme namentlich angesprochen wird, wenn man seinen M√ɬľll auf die Stra√ÉŇłe wirft. Hier in Deutschland hinterlassen wir unsere Spuren bisher vorwiegend durch Kundenkarten und den Gebrauch von Kontokarten und Bankautomaten. Aber wer will schon mit einer Papiert√ɬľte auf dem Kopf herumlaufen, und seine gesammte Barschaft in der Jackentasche mit sich herumtragen, nur um einer eventuellen √ÉŇďberwachung zu entgehen?

Man sammelt unsere Daten, und man kann nicht genug davon bekommen. Selbst die J√ɬľngsten geraten jetzt in das Visier der √ÉŇďberwacher. Als mehrere F√ɬ§lle vernachl√ɬ§ssigter Kinder durch die Presse gingen, war eine der ersten Forderungen, alle Kinder systematisch zu erfassen, um keines aus den Augen zu verlieren. In Berlin will man detailierte Daten von allen Sch√ɬľlern sammeln. Und dieser Tage forderten Unionspolitiker, man m√ɬ∂ge dem Verfassungsschutz gestatten, die Daten terrorverd√ɬ§chtiger Jugendlicher ab 12 Jahren zu sammeln. Terrorverd√ɬ§chtig! Ab 12!

Als Begr√ɬľndung f√ɬľr die Datensammelwut m√ɬľssen abwechselnd Terroristen, Kindersch√ɬ§nder, Vernachl√ɬ§ssigung, oder Bildungs- und Sozialplanung herhalten. In Gro√ÉŇłbritannien nimmt man schon die Reinhaltung von Stra√ÉŇłen als Begr√ɬľndung hinzu. Wer nichts unrechtes vorhat, hat ja schlie√ÉŇłlich keinen Grund, etwas zu verbergen. Dort ist es zus√ɬ§tzlich noch verboten, ohne zwingenden Grund Gegenst√ɬ§nde mitzuf√ɬľhren, die als Waffen verwendet werden k√ɬ∂nnten. Daf√ɬľr wird in Deutschland, entgegen unserem Grundgesetz („Eine Zensur findet nicht statt.“), √ɬľber die Filterung des Internets nachgedacht. Nat√ɬľrlich nur wegen der b√ɬ∂sen Kindersch√ɬ§nder! In Frankreich m√ɬ∂chte man unterbinden, dass man mit Suchmaschinen Anleitungen zum Bombenbau recherchieren kann, und in Italien filtert man wegen m√ɬ∂glicher Verst√ɬ∂√ÉŇłen gegen das Urheberrecht. Man muss schon sehr arglos und optimistisch sein, um sich angesichts solcher Nachrichten keine Sorgen zu machen.

Ein Gedanke zu „Wir schreiben das Jahr 1984

  1. In der Schweiz findet seit einigen Jahren gerichtlich angeordnete Zensur sogar wegen Beleidigungen statt (beim Beleidigten handelt es sich rein zuf√ɬ§lligerweise um einen Richter …) und das Problem mit l√ɬ§rmenden Jugendlichen in den sp√ɬ§ten Abendstunden wird an einigen Orten mittlerweile mit Ausgangssperren f√ɬľr alle unter 18 Jahren „gel√ɬ∂st“.

    Was die ganze Sicherheitshysterie betrifft, mit der immer weitergehende Beschneidungen der pers√ɬ∂nlichen Rechte und Freiheiten begr√ɬľndet werden, ist das ganze sowieso nur eine sinnlose Symptombek√ɬ§mpfung. Sicherer w√ɬľrde Westeuropa dann, wenn es weniger gesellschaftliche Verlierer (Leuten, die keinerlei Chance haben, je auf einen gr√ɬľnen Zweig zu kommen) g√ɬ§be und wenn die Anzahl M√ɬ∂glichkeiten, eine kapitale Niederlage einzustecken, aus der man nie mehr rauskommt, geringer w√ɬ§re, als sie es heute ist.

    Sicherer w√ɬ§re Westeuropa auch dann, wenn die Aus√ɬľbung von Gewalt oder anderen Zwangsmitteln, wieder generell ge√ɬ§chtet w√ɬľrde. Die ganze Sicherheitshysterie bewirkt hier genau das Gegenteil. Und wenn einem Jugendlichen mit 16 schon verboten wird, sich Abends auf der Strasse zu zeigen, wird aus ihm ganz bestimmt irgendwann ein B√ɬľrger, der mit seinen Freiheitsrechten verantwortungsvoll umgehen kann.

    lg

    Roman

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