Ich hoffe, du bist gut nach Haus gekommen

Es war schon viel zu spät, als ich mich in die Bahn setzte, um heimzufahren. Über drei Stunden lang hatte ich beim Friseur zugebracht; so lange hatte es gedauert, um den Haaransatz weißblond zu bleichen, und mein Haar in schrillem Magenta und dunklem Violett einzufärben, es zurechtzustutzen, und es keck in die Höhe zu föhnen. Nun war ich hundemüde, und auch hungrig, wollte nichts mehr sehnlicher als ab in die kuschlige Wohnung, eine mitgebrachte Schale eines Wok-Gerichts aufessen, etwas fernsehen, und mich dabei in meine Kuscheldecke einmummeln. Doch dann hab ich gemerkt, dass in diesem Abteil etwas merkwürdig war.

Mehrere Männer alberten herum, lachten überlaut, sprachen provozierend, und machten Bemerkungen in einem Ton, den man durchaus für schlüpfrig halten konnte. Geldbeträge wurden genannt, und das Gelächter wurde ordinär. Da habe ich genauer hingeschaut. Im Mittelpunkt des Interesses war ein kleiner Junge, schmal und schüchtern, der war höchstens 13 Jahre alt. Er saß ganz allein auf seiner Seite des Gangs. Einer der Männer verabschiedete sich von seinen Kumpels, die zwei andern blieben im Abteil, und machten weiter ihre Bemerkungen.

Mich hat nicht interessiert, ob das hier ernst gemeint war, oder nur als derber Spaß. So geht man nicht mit Kindern um. Der Zug fuhr los, und ich stand auf, und setzte mich schräg gegenüber zu dem Jungen. „Kennst du diese Männer?“ waren meine ersten leisen Worte zu ihm. Er verneinte. „Wenn es ein Problem gibt, bin ich für dich da!“

Jetzt fingen die beiden Männer an, über mich zu reden. Nicht zu mir, wohlgemerkt, sondern über mich. Sie fragten nicht mich, was ich getuschelt hätte, sie fragten den Jungen. Ich drehte mich zu ihnen um, und sprach sie direkt an. Ich sagte ihnen, dass man in diesem Ton nicht mit Kindern redet, die man nicht einmal kennt. Sie redeten sich damit heraus, dass er es gewesen sei, der sie angesprochen habe, und dass er es gewesen sei, der sie provoziert habe.

In mir brodelte es, doch ich hielt mich zurück. Statt dessen wendete ich mich an das Kind. Ich schlug ihm vor, mit mir ein Abteil weiter zu gehen. Ich wollte ungestört mit dem Jungen reden. Inzwischen hatte ich den Bemerkungen entnommen, dass der Junge seine Freunde aus den Augen verloren hatte, und nun mutterseelenallein versuchte, zurück nach Bergedorf zu kommen. Im Nachbarabteil angekommen wurde mir deutlich, was für eine Gradwanderung dies war. Gesundes Misstrauen Unbekannten gegenüber war nun mehr als wichtig für den Jungen. Auch hatte ich nichts gegen die Männer in der Hand, die das Kind zuvor belästigt hatten. Was sollte, was konnte ich tun? Und dann erfuhr ich auch noch, dass er nicht mal Geld dabei hatte.

„Hör zu“, hab ich zu ihm gesagt, „was diese Männer da mit dir gemacht haben war nicht in Ordnung. Du musst nicht in der Nähe von Leuten bleiben, die so mit dir umgehen. Du solltest von solchen Leuten weggehen. Was ich jetzt mache, ist eine große Außnahme. Du bist mir zu nichts verpflichtet, ich werde gleich aussteigen, und vermutlich werden wir uns niemals wieder sehen. Ich möchte nicht, dass du ohne Geld unterwegs bist, und dadurch Probleme bekommst.“ – Und damit hab ich ihm fünf Euro hingehalten, die er erst nicht nehmen wollte, die er nur annahm, nachdem ich nochmal sagte, dass er mir zu nichts vepflichtet sei, dass ich gleich aussteigen würde, dass wir uns nicht wiedersehen würden. Aber darauf, dass er das Geld nahm, habe ich bestanden. Denn spät am Abend muss man, wenn man vielleicht vom Bahnhof aus noch mit dem Bus fahren muss, vorn beim Fahrer die Fahrkarte vorzeigen. Er sollte nicht allein bei Nacht zu Fuß nach Hause laufen müssen.

Ich wollte aber dennoch keinen Angriffspunkt schaffen, und seinen Instinkten nicht schaden. Er hatte sich zu seinen indischen Landsleuten gesetzt, in der Hoffnung, dort sicher zu sein, und war in eine ganz wüste Situation geraten. Nun musste er lernen, Distanz zu halten, sich in Sicherheit zu bringen, sich nicht anködern und übertölpeln zu lassen. Außerdem war ich im Zwiespalt: Die Polizei rufen? Nichts beweisen können? Am Ende war der Junge vielleicht ohne Papiere hier, oder würde zumindest so behandelt werden, bis das Gegenteil bewiesen war, und bekäme so  mehr Ärger als seine Belästiger.

Als ich ausstieg, hatte ich ein fürchterlich mieses Gefühl. Ich hoffe, kleiner Mann, du bist heil und gesund zuhause angekommen.