Terrorwarnung … und es hat BUMM gemacht!

Zwei Wochen haben sie uns mit ihren Terrorwarnungen kirre gemacht, haben die Stadt mit Polizei vollgepackt, haben Polizisten mit Maschinenpistolen in die Bahnhöfe gestellt, haben ausgebüxte Realtestkoffer zu realen Bedrohungen aufgebauscht, und heute hat’s geknallt. Mehrmals sogar, und ich, ich stand direkt daneben! Aber ich sollte am Anfang beginnen.

Eigentlich war es ja ein schöner, friedlicher Tag. Doch wer diese Stadt und ihre Behörden kennt, der konnte schon um die Mittagszeit ahnen, was uns bevorstand: Die Bedrohung kam in Form von zarten, weißen Flocken zu uns. Bald waren sie winzig, bald flockten sie flauschig, bald stäubte es sacht, und bald wirbelten sie im dichten Reigen. Todesmutig stürzten sie herab, und wehten doch nur ihrem Verderben entgegen, denn sobald sie das Straßenpflaster berührten, vergingen sie zu kaum wahrnehmbaren feuchten Flecken, die von den trockenen Gehwegplatten gierig aufgesogen wurden. Wo auch immer sie hinfielen, die Schneeflocken schmolzen so rasch, wie sie dort hingesegelt waren. Überall? Fast überall! Einige wenige Pioniere hatten das Glück, auf Objekten zu landen, die nicht ganz so viel Wärme gespeichert hatten wie die Steine, oder deren Wärmeleitfähigkeit nicht ausreichte, um die im Erdreich gespeicherte Wärme rasch genug nach oben zu transportieren. So sahen Bäume, Wiesen und Sandflächen schon am frühen Nachmittag so aus, als wären sie mit feinstem Puderzucker bestäubt worden. Wenn man so etwas sieht, besteht Gefahr. Das wollten nur wieder mal manche nicht wahr haben, und auch ich war mir dieser Tatsache leider nicht sofort bewusst. Fröhlich eilte ich zum Feierabend nach Hause, denn ich wollte dort nur meine Tasche ablegen, einen langen Spaziergang machen, und zum Abschluss einen leckeren, heißen Apfelsaft mit Zimt trinken (der Apfelsaft muss naturtrüb sein, sonst schmeckt das nicht). Doch dazu sollte es nicht kommen. Kaum hatte ich meinen Stadtteil betreten, da sah ich auch schon die Bescherung:

Schnee! Liegengebliebener, plattgetretener, zu einer seifenglatten Schicht komprimierter, dreimal verdammter Schnee! Das musste so sein und war völlig logisch, denn eine Brücke hat viel Oberfläche, die sie dem eisigen Wind darbietet, und sie hat  ausgesprochen wenig Kontakt zur im Erdreich gespeicherten Sonnenwärme. Es war widerlich glatt, die Leute schlidderten, und die Bremsmanöver der Fahrzeuge auf der Straße hörten sich auch ziemlich glitschig an. Und es war natürlich nichts gestreut, weder auf dem Gehweg noch auf der Fahrbahn. Ich schlidderte über die Brücke, zog mich zuhause um, und kam mit meinem neuen Schneeschieber wieder. Der aber war hier das falsche Werkzeug: zu leicht, zu empfindlich, und nicht scharfkantig genug. Für dicke Schichten von fluffigem Schnee wird er sicher zu gebrauchen sein, aber gegen Glatteis und festgetretenen Schnee konnte ich damit nichts ausrichten. Also trug ich ihn zurück, und holte Bauschaufel und Besen aus dem Keller. Damit machte ich mich auf der Brücke ans Werk. Ich merkte bald, dass ich in der Gehwegmitte keine Chance hatte. Die Schneeschicht war dünn und eher zäh, sie splitterte nicht, und klebte auf den Gehwegplatten wie Kaugummi auf Nadelfilz. Nur seitlich, nahe beim Brückengeländer, lag der Schnee noch halbwegs locker. Auch hier klebte zuunterst eine zähe, komprimierte Schicht. Ein schöner Mist! Aber es ging so leidlich. Eine Gehwegplattenbreite, am Geländer entlang, und den Schnee vom Geländer runterfegen, damit man sich da festhalten kann – das nahm ich mir vor und die Schaufel zur Hand. Bald merkte ich, dass ich verdammt aus der Übung war: falsche Haltung, falscher Griff, falsche Handschuhe. Ich hatte Kreuzschmerzen, meine Handflächen brannten, meine Gelenke taten mir weh, und aufgeplatzte Blasen lösten sich in Fetzen ab. AU! Weiter.

Ich hatte einen guten Teil meines Pensums geschafft, da hörte ich ein äußerst hässliches Rutschen, ein Scheppern, und ein Bremsmanöver, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten. Ein Rollerfahrer hatte sich hingelegt, und der Autofahrer hinter ihm war gerade eben noch zum Halten gekommen. Ich eilte in Richtung des Geschehens, brauchte aber nichts zu tun. Der Rollerfahrer hatte sich schon wieder aufgerappelt, und ein Passant half ihm, seine Maschine auf den Gehweg zu wuchten. Also ging ich zurück und setzte meine Arbeit fort. Hinter mir auf der Straße schlingerten die Autos, und ich hoffte inständig, der Kantstein möge hoch genug sein, dass keins von den schlingernden Fahrzeugen bis auf den Gehweg geriete. Dann sah ich die Zugmaschine. Die Brücke ist für LKW gesperrt. Das liegt nicht daran, dass sie die nicht trüge, sondern an den vielen LKW im nahegelegenen Industriegebiet, die unser Wohngebiet gern als Schleichstrecke nutzen. Das sollen sie nicht, und darum sind die Fahrbahn auf der Brücke und die Zufahrten künstlich verengt. Die LKW fahren dort trotzdem durch, und mir ist jedes Mal mulmig, wenn ich sowas sehe. Denn ein LKW (oder in diesem Fall: eine Zugmaschine ohne Auflieger) nimmt die volle Fahrbahnbreite auf der Brücke ein. Zum Glück sahen die Autofahrer auf der anderen Seite rechtzeitig den herannahenden Koloss. Ich hab auch schon LKW beobachtet, die mit den rechten Reifen den Bordstein hochkletterten: rauf und runter und rauf und runter. Wenn man von Rothenburgsort aus Richtung S-Bahn fährt, stehen am rechten Straßenrand die Laternen, und denen muss natürlich ausgewichen werden. Sieht lustig aus, ist saugefährlich, und da die anderen Autofahrer dankenswerterweise aufgepasst haben, war das heute nicht zu beobachten.

Dafür hatte ich meinen Spaß mit einigen Passanten. Zunächst mal kam ein älterer, geistig behinderter Mensch, der, wenn man ihn nicht kennt, etwas beängstigend sein kein. Schliddernd, laut pöbelnd, die Fäuste schüttelnd und wilde Drohungen ausstoßend näherte er sich mir. Ich kenne das aber inzwischen und grüßte ihn sehr freundlich. Wenn man auf seine Drohungen nicht eingeht, vergisst er sie sofort, und benimmt sich wie ein unsicheres, aber kooperatives kleines Kind. Nachdem ich den alten Mann an mir vorbei gelotst hatte, kam der Afrikaner vorbei, der mir Anfang des Jahres meinen Besenstiel zerbrochen hatte, und baggerte mich an. Ich erinnerte ihn an meinen Ehering. Er fragte, ob ich nicht eine Freundin hätte, die er kennenlernen könne. Ich riet ihm, einem Sportverein beizutreten, um dort viele Menschen kennenzulernen, damit sich Bekannte anfänden, vielleicht Freunde, und möglicherweise vielleicht eine Liebe. Er behauptete, es gäbe in der Nähe keinen Verein. Ich wies ihn auf Lorbeer E.V. hin. Er wendete ein, Frauen spielten keinen Fußball. Ich wies ihn darauf hin, dass junge Männer manchmal Schwestern haben. Kurz, es wurde nicht so kurz, sondern dauerte eine Weile, und irgendwann war ich den Kerl endlich los. Dann kamen ein paar junge Männer vorbei, von denen einer berufliche Erfahrungen im Winterdienst hatte. Der nahm mir für ein paar Meter das Schneekratzen ab, und ich gab mir Mühe, mir etwas von seiner Technik abzuschauen.

Ein Weilchen später gab’s dann einen richtig schönen, lauten Knall. Die Fahrer zweier nicht eben schmaler Autos wurden sich nicht rechtzeitig einig über Details aus den Bereichen Fahrbahnbreite, Fahrbahnmitte, Geschwindigkeit und Bremsweg auf Glatteis, woraufhin etliche scharfkantige Teile in die Landschaft flogen. Das Fahrzeug, das gen Stadtteil fuhr, kam recht bald zum Halten. Das entgegenkommende Fahrzeug war offenbar mit einer etwas optimistischeren Reisegeschwindigkeit unterwegs, bremste aber schließlich schliddernd, und wurde am Ende der Brücke zum Stehen gebracht. Leute stiegen aus, und es gab ein großes Palaver mit viel Schimpferei über den fehlenden Streudienst. Mobiltelefone wurden gezückt, die Polizei gerufen, und nach etlichem Hin und Her und Herumrangieren anderer Verkehrsteilnehmer wurde endlich auch das zweite Fahrzeug von der Brücke geschafft. Einer der Beteiligten borgte sich meinen Besen, und kehrte die Plastiksplitter von der Fahrbahn. Irgendwann kam auch die Polizei, dekorierte die Szenerie mit flackerndem Blaulicht, begutachtete Fahrbahn und Fahrzeuge, und nahm die Sache auf. Ich kehrte währenddessen weiter Schnee.

Kaum war Ruhe eingekehrt, da krachte es wieder. Ein Mittelklassewagen war leicht ins Schleudern geraten, als der Fahrer angesichts des Gegenverkehrs abbremsen wollte, stellte sich schräg, und hatte kurz darauf das entgegenkommende Fahrzeug an der Fahrertür. Ich stand diesmal nur wenige Schritte vom Unfallort entfernt, und sagte den Fahrern, sich mögen sich nicht zu sehr grämen, denn es habe hier eben schon einmal gekracht. Wieder gab es Palaver, die ineinander verkeilten Autos wurden voneinander getrennt, und ein paar Minuten später flackerte wieder Blaulicht durch die Straße. Dann kam der Anruf von Jacques, das Essen sei fertig, und das Gemüse würde verkochen. Ich versprach, bald heimzukommen, schabte noch ein paar Meter Schnee weg, und ging dann zum Essen.

So, so. Terrorwarnung  … Prioritäten, ist klar! Zwei Wochen lang Maschinenpistolen am Hauptbahnhof, aber keiner streut uns wenigstens ein paar Schaufeln Granulat auf die Brücke zwischen dem Stadtteil und der Bahnstation. Für Wachmannschaften, Waffen und Munition gibt es Geld und Entscheidungen und Presse und Alarm. Aber wir können uns hier den Steiß prellen, die Knochen brechen, und mit den Autos Caramboulage-Feten feiern. Ein sektlauniges Hoch auf die innere Sicherheit, und keine müde Schippe Sand oder Salz für die Verkehrssicherheit! Leute, mögt ihr nicht mal die Statistiken zücken, und nachlesen, wovon es mehr gab: Verkehrstote und Verletzte bei Glatteis, oder Terroropfer?