Zen und das Notizbuch

Die Idee, mir ein Notizbuch für Texte zu besorgen, spukt mir schon eine ganze Weile durch den Kopf, und seit gestern noch viel mehr. Jemand twitterte einen Link auf einen Blog-Eintrag über das Thema „Zen und Schreiben“, und ich raste förmlich über den Text. Die Hand dürfe beim Schreiben nicht ruhen, hieß es da, es gehe nicht darum, den Text zu planen, zu konstruieren. Das Warum, die Begründung dazu, habe ich entweder nicht gefunden, oder es gab vielleicht gar keine.

Schreiben um des Schreibens willen scheint zunächst paradox: wozu, wenn nicht um ihn zu lesen, sollte man einen Text auf Papier bannen? Meine Gedanken fangen an, seltsame Kreise zu drehen, sobald ich absetze, um mir Tee einzuschenken oder einen Blick auf meine Umgebung zu werfen. Erst der Blick auf das Papier und das Schreiben selbst binden meine Aufmerksamkeit und zwingen mich, einem einzelnen Pfad zu folgen. Hätte ich hundert Hände und Augenpaare, und stände ich vor einem Plakat, anstelle in ein Notizbuch zu schreiben, so würde vor mir ein vernetztes, verschlungenes Gebilde entstehen, ähnlich dem Stammbaum der Arten. Einige Ideen würden versiegen, quasi aussterben, während andere sich weiter und weiter verzweigen würden.

Ich sitze in einem Buchcafé, und um mich herum ist Unruhe. Ein Rennerpaar neben mir unterhält sich über verschiedene Drogeriemärkte, während Jacques auf der anderen Seite sitzt und ein Buch liest. Aus den Lautsprechern plätschert seichte Musik. Vielstimmiges Gemurmel von den anderen Tischen füllt den Raum, und von Zeit zu Zeit höre ich Geklapper von Geschirr. Wem will ich sowas erzählen, wer würde es lesen wollen, oder wenigstens hören? Es ist nicht wichtig. Aber darf man nur sagen oder schreiben, was wichtig ist? Wie wichtig muss etwas sein, um ausgesprochen oder aufgeschrieben werden zu dürfen? Meine Gedanken treiben zurück in meine Kindheit. Still sollte ich sein, und nicht stören. Wenn Erwachsene sich unterhalten, haben die Kinder ihren Mund zu halten, hieß es Wenn ich redete, ohne gefragt zu werden, musste es etwas wichtiges sein. Und ich wurde selten gefragt.

Warum hängt mir das immernoch so nach, warum gerät mir alles, was ich sage, zu einem Vortrag, als ob mich ein Lehrer in der Schule nach minutenlangem Melden und begierigem Fingerschnippen endlich drangenommen hätte? Warum muss ich mir bei allem, was ich sehe, irgendwelche Theorien zusammenbasteln, und warum fahren meine Gedanken Karussell und erfinden Geschichten und alternative Realitäten, sobald ich aufhöre zu theoretisieren, ist das normal? Hinten im Buchladen sehe ich die Leute an Tischen und Regalen vorbeistreichen. Einige wirken ziellos, andere sind in Gespräche vertieft oder blättern in den ausgelegten Büchern. Wer weiß schon, was ich finden würde, könnte ich in ihren Köpfen lesen?